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Presseberichte zu Sarah und ihrer Show

Artikel vom 03.08.2004 erschienen in Spiegel Online

'Lacher gekriegt, du Arsch?'

Neue TV-Show mit Sarah Kuttner

Von Daniel Haas

Sarah Kuttner, Viva-Moderatorin mit Hang zum Kraftausdruck, deb?tierte jetzt als Live-Talkerin. Viermal pro Woche soll das neue Format zu sehen sein. Ob Publikum und Gastgeberin dieses Pensum jedoch verkraften, ist fraglich: Schon die erste Sendung war so unterhaltsam wie ein Kreislaufkollaps.

Wer am Puls der Zeit agiert, muss selber einen haben. Sarah Kuttner, neu ernannte Night-Talkerin auf Viva, legt die Diode an und misst: 152! Wahnsinn! Rasendes Herz, galoppierender Frohsinn - so l?uft's, wenn Deutschlands Popsender Viva eine "Personality Show" lanciert.

Die Personality, das ist vor allem Kuttner, f?r Viva-Fans l?ngst ein vertrautes Gesicht, dem breiten Publikum jedoch erst seit der Moderation des Eurovision-Vorentscheids bekannt. "Ach, du Schei?e!", rief sie aus, als die Techno-Knallchargen von Scooter ins Finale kamen. Das deftige Schimpfwort, stilpr?gend f?r die 25-j?hrige Ost-Berlinerin, war auch gestern Abend tonangebend. "Hast du gerade den ersten Lacher gekriegt, du Arsch?", feixt Kuttner ihren Assistenten Sven Schuhmacher an und verspricht kurz darauf, "mal etwas Sinnvolles anzumoderieren". Eine Werbepause zum Beispiel.

Bis dahin ist man bereits bestens informiert: wie die Redaktion ausgew?hlt wurde (nach Aussehen und Intelligenz), wann der Assistent zum ersten Mal Sex hatte (mit 16), wie hoch der Abi-Schnitt des Teams im Durchschnitt ist (2,6). Die Redaktion ist im Mittel 26 Jahre alt, zur Ausbildung geh?ren Abi und ein abgebrochenes Hochschulstudium. Und alle haben Angst vorm Zahnarzt.

Und dann der Puls: Der ist bei Schumacher, einer Art Brit-Pop-Ausgabe von Harald-Schmidt-Faktotum Andrack, gef?hrlich niedrig, quasi in autogene Tiefen abgerutscht, was gut so ist, denn die Showeinlagen, die er mit Kollegin Kuttner absvolvieren muss, sind Exerzitien der Sinnlosigkeit. "Sachen, die wir zum ersten Mal machen" hei?t die erste Showeinlage: Kuttner raucht Pfeife, Schumacher umrundet auf Rollerskates den Moderatorenschreibtisch. "Ich habe mich verfahren", sagt er noch, bevor die Moderatorin mit dem Drall eines Extremsportlers zum ersten Showgast weiterfedert.

Komik-Veteran Hebert Feuerstein wird ?berschw?nglich begr??t. Kuttner f?llt vor ihm auf die Knie, was irgendwie selbstironisch sein soll, vielleicht ist's aber auch einfach der Adrenalin-?berschuss, der die redegewandte Sch?ne in die Knie zwingt. Es folgen Herzfrequenzmessung und ein Gespr?ch, das keines ist, gewitzelt wird ?ber alles und nichts, also auch ?ber Feuersteins Frau, die, wie man erf?hrt, Angst vor Spinnen hat.

"Vielleicht schaut sie jetzt ja zu?" - "Nein, die schaut MTV" - die einzige Pointe an diesem pulsvermessenen Abend, auch wenn der Scherz nicht greift. Der US-Konzern Viacom, zu dem MTV geh?rt, hat unl?ngst auch die K?lner Poptelevision?re geschluckt. Wo ein-, wo abgeschaltet wird, ist letztlich egal.

Nach der zweiten Werbepause, bev?lkert von Bausparreklame, R&B-Sternchen und hedonistischen Party-Apellen aus Berlin ("Schmei? die Fuffis durch den Club!"), dann die n?chsten G?ste: Wir sind Helden, der deutschen Jugend liebste Popheroen mit ihrem Hit "Denkmal". Zitat: "Sie haben uns ein Denkmal gebaut, und jeder Vollidiot wei?, dass das die Liebe versaut."

Erh?hter Puls, versautes Liebesgl?ck - ganz klar: Das Leben und Moderieren in der Pop-Enklave ist gef?hrlich. K?rperlicher Ruin und mediale Monumentalisierung lauern hinter jeder Studiokulisse. Vielleicht zerrei?t Feuerstein deshalb sein Buch und verteilt es an die Band; vielleicht wird Kuttner deshalb nicht m?de, mit selbstreflexiven Sp??chen die ohnehin hysterische Stimmung anzuheizen. "Jetzt sitzen nat?rlich die Feuilletonisten von Bravo und Yam! mit ihren "Hello, Kitty"-Stiften vor dem Fernseher und schreiben Sachen wie endgeil oder superwack", liefert die Moderatorin den Meta-Kommentar zur eigenen popkulturellen Rundumverwurstung.

Am Ende dann noch einmal die Helden mit "Die Zeit heilt alle Wunder". Kuttner, weiterhin pulsgepeitscht am orangefarbenen Leibchen nestelnd (das gestische Pendant zu Engelkes Lippenkr?useln), singt mit, was aber untergeht, weil das Publikum die Helden-Ballade lauthals mitintoniert.

"Auch das gr??te Wunder geht vorbei", schmachtet S?ngerin Judith Holofernes unterdessen ins Mikro, und dann ist auch fast schon Schluss mit dem Anfang von Kuttner. Schluss auch mit der Hoffnung, dass neue Talk-Projekte nicht unweigerlich in Quotengerangel und Peinlichkeitsklamauk versanden m?ssen. Oder geht da noch was? Mehr Puls jedenfalls kaum. Ab 180 ist f?r die meisten Schluss mit lustig.

"Sarah Kuttner - Die Show"
Montags bis donnerstags, 21 Uhr bei Viva

Quelle:
Spiegel Online