Kuttner.
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Presseberichte zu Sarah und ihrer Show

Artikel vom 12.03.2005 erschienen in taz Nr. 7613

Wie es ihr gef?llt

Findet Sarah Kuttner etwas gut, dann richtig. In Ihrer Viva-Show feiert sie ihre ganz pers?nlichen Favoriten - und l?dt jetzt auch noch alle zur eigenen Revue "Kuttner on Ice"

VON KIRSTEN RIESSELMANN

Bei Sarah Kuttner herrscht Willk?r. Die Willk?r ihrer eigenen Meinung. Immer im Wechsel zwischen pubert?rem Quatsch, ?tzender Kritik, rotziger Vulgarit?t und grandioser Egomanie findet die 26-j?hrige Viva-Moderatorin, die seit zehn Monaten eine TV-Show ihr Eigen nennen darf, mal was gut und mal was schlecht. Sie zertritt K?fer live vor der Kamera auf dem Studioboden, erkl?rt Arschgeweih-Stretchhosen zum "Mist der Woche" und lesbisch-schwule Outlaw-Inseln vor Australien zum "Gutfinder der Woche". Sie hasst Alexander Klaws, und sie liebt Adam Green. Ihre Gr?nde f?r das Daf?r- oder Dagegensein sind radikal subjektiv und verweigern sich jeder Debatte. Ihr Bauch ist ihr K?nig, und der meldet sich pfeilschnell und lautstark zu Wort. Gut oder schlecht finden funktioniert bei der Berlinerin mit einer Mischung aus Witz, Spontaneit?t, Vulgarit?t und einer Meinungsst?rke, die ihresgleichen sucht.

Gottlos und frech

Man hat das Gefhl, die krisengebeutelte und orientierungslose Jugend starrt oft eher verwundert auf diese furiose Zurschaustellung glasklarer Nullen und Einsen. Vielleicht bekommt Kuttner deshalb so viel Zuschauerpost, in der sie als "gottlos und frech" bezeichnet wird und man sich beschwert ?ber den h?ufigen Gebrauch b?ser W?rter wie "Schei?e" oder "Arschloch". Vielleicht polarisiert Sarah Kuttner die Welt mit ihrer Meinung, bevor ihre Zielgruppe nur ein Fitzelchen dieser Welt verstanden hat. Was soll's, w?rde sie wohl sagen, mit meiner Zielgruppe habe ich nur so viel zu tun, dass ich ihnen von meinen Gutgefundenen erz?hle und sie, wenn sie das Gutgefundene auch gut finden, als Nachmacher schm?he. Das ist Sarah Kuttners ganz privater Rock 'n' Roll.

Mit Solidarit??t und Jugendbewegtheit hat sie so wenig am Hut wie mit drogengest?tzter Selbstverlusterfahrung. Wenn ihr Sidekick Sven Schuhmacher in der Sendung zur Gitarre greift und grinsend sein Protestanten-Liebhabe-Liedchen "Aufstehn, aufeinander zugehn, voneinander lernen, miteinander umzugehn" anstimmt, umarmt sie nur mit gequ?ltem Gesicht ihre Studiog?ste. Sarah Kuttners Rock 'n' Roll will nicht gest?rt werden, will einsam und trotzig "Ich will!" schreien. Sarah Kuttner findet manches so unglaublich gut und will es so sehr immer wieder sagen, dass sie clever ihre ?ffentliche Rolle nutzt, um sich eine immer gr??ere B?hne zu besorgen.

Morgen hei?t diese B?hne Columbiahalle. Im Alleingang hat Sarah Kuttner "Kuttner on Ice - Die Revue zur Show" in Berlin organisiert. In allen zum Thema gef?hrten Interviews hat sie die immer gleichen Informationen ventiliert: Der Name "on Ice" klinge so super, so nach Konfetti und Glamour. Wenn man gro? ist, muss man damit was machen, hat sie zu einem Freund gesagt, und dann hat sie's einfach gemacht. Viva wollte nicht mitveranstalten, weil die ihr das nicht zugetraut haben. Da hat Kuttner ihre ganz pers?nlichen Favoriten selbst antelefoniert, und alle haben Ja gesagt: die schwedischen Lederjacken-Beaus von Mando Diao, die mit topsozialistischem Ansatz gesegneten The (International) Noice Conspiracy, das aus unerfindlichen Gr?nden zum Chartbreaker mutierte Singer- Songwriter-Burscherl Adam Green und nat?rlich Kuttners spezieller Liebling Moneybrother.

Der smart-schlaksige Moneybrother a. k. a. Anders Wendin ist als K?nstler mittlerweile ganz "Der aus der Kuttner-Show". ?ber Monate hinweg durfte er ihr die Einspielerrubrik "Moneybrother singt Karaoke" machen. Wirklich begeistert von seinen sympathischen, aber auch sehr langen und weiligen Bildschirm-Absingereien war lange Zeit ausschlie?lich Sarah Kuttner. Sie setzte sich f?r ihren "d?nnen Schwedenmann, der mein Herz geklaut hat", ein wie eine Raubtiermutter f?r ihr Junges. Einem M?dchen aus dem Showpublikum, das es allzu berechenbar fand, dass die Redaktion den Moneybrother zum K?nstler des Jahres 2004 erkoren hatte, wies sie brutal die Studiot?r. Solcher Einsatz zahlt sich aus: Am Sonntag in der Columbiahalle wird Anders Wendin merken, dass sich niemand mehr ein "Einspruch, Euer Ehren!" erlaubt. Kuttners Begeisterung wird auf das "Klatschvieh", wie sie ihr Publikum gerne nennt, abgef?rbt haben. Moneybrother wird dankbar als Kultobjekt angenommen.

"Ich tu mal was f?r mich"

Stefan Raab fragte Kuttner, ob sie nicht mal was f?r die Deutschen im Pop h?tte tun k?nnen. Sie antwortete entnervt: "Ich dachte, ich tu mal was f?r Sarah Kuttner!" Das war ehrlich, und ihr Ego darf jubeln: 3.500 Karten f?r die Eisrevue in sechs Tagen ausverkauft. Darauf ist sie "gottverdammt stolz" und ertr?umt sich den Kampf um die verbleibenden 100 Karten der Abendkasse als "so Menschentrauben, mit Schlafsack und Kaffee". Auch in dem Punkt wird sie nicht entt?uscht werden. Ihre unersch?tterliche Liebe zu den Herren Green, Mando Diao und (International) Noise Conspiracy muss sie sich, auch wenn es ihr wahrscheinlich nicht passt, mit allen Oberstuflern, Zivildienst Leistenden und Grundstudiumsstudenten des Landes teilen. Am liebsten st?nde sie wohl allein in der Konzerthalle, wissend, dass 3.500 St?ck Klatschvieh gerne gekommen w?ren, aber nicht durften.

Partout n?mlich will sie keine Identifikationsfigur f?r ihre Generation sein. Sie sagt, sie habe keine Ahnung, wie andere 26-J?hrige ticken. Sie sei eigentlich ein langweiliges M?dchen, das weder zum Tanzen ausgeht noch Alkohol trinkt. Damit macht es sich die Tochter des Berliner Radiotalkers und Videoschnipslers J?rgen Kuttner, die immerhin seit 2001 bei Viva Sendungen wie "Interaktiv" moderierte, bevor sie ihre eigene Show bekam, ein bisschen einfach. Damit weist sie jegliche Verantwortung von sich. Vielleicht glaubt sie, dass sie nur so authentisch bleiben und ihre Moderatorinnenrolle als ihr ganz eigenes Ding gestalten kann. Sie gibt sich unabl?ssig kratzb?rstig und berschw?nglich zugleich, ist Riot Grrrl in dritter Generation und sagt gleichzeitig, dass sie findet, Jungs und M?dchen h?tten heute die gleichen Chancen, tr?gt den f?nfzackigen Stern auf Arm und Sendungslogo und will doch v?llig apolitisch sein. Wie sehr Sarah Kuttner mit ihren kontinuierlichen Meinungsfurzen aber auch versucht, erstens immer nur sie selbst und zweitens aber auch bitte nicht greifbar zu werden: F?r ihr Publikum ist sie l?ngst ein wenn auch nicht unumstrittenes Vorbild.

Sie musste es fast zwangsl?ufig werden, ist Sarah Kuttner doch als Einzige ?brig geblieben, um im gruselig verst?mmelten deutschen Musikfernsehen Jungs und M?dchen mit langen Ponies und Gitarren eine B?hne zu bieten. Charlotte Roche und "Fast Forward", einstige Herrscher ?ber das Lager der Independent-Musik, mussten mit der Viacom-?bernahme des Senders Viva und der kastrationsartigen Programmreform zum Jahreswechsel abdanken. "Kuttner - Die Show" ist seit August 2004 zum Fernsehrefugium f?r Noch-nicht-so-sehr-Mainstream-Stars geworden, die sich zwischen all den gepimpten Autos, dismissten Machos und gecharteten Klingelt?nen auf ihrem Weg zum Abnehmer winden. Und das, obwohl die Kuttner-Show kein wirkliches Musikformat ist. F?nf Minuten der einst?ndigen Sendung sind f?r einen musikalischen Liveauftritt, weitere zehn Minuten f?r einen Talkgast reserviert, der allerdings nur manchmal auch noch was mit Musik zu tun hat. Es talkt sowieso eher die Moderatorin und l?sst dem Gast, genau wie Komoderator J?rg Pilawa letztes Jahr beim nationalen Vorentscheid des Grand Prix, einen Redeanteil von h?chstens 30 Prozent.

Dass gerade Sarah Kuttner zum neuen Aush?ngeschild der Indie-Szene werden konnte, ist eigentlich ein Wunder. Klar, sie findet "Britpopindierock" gut, wie auf ihrer Website zu lesen ist. House-Musik dagegen findet sie zum Kotzen. Aber eigentlich hat sie keine Ahnung von Musik. Sie h?rt nur die Platten, die ihre Redakteure ihr ans Herz legen.

Musik geh?rt gef?hlt

In keinem Interview hat sie jemals Fragen nach dem Einsatz des Schlagzeugs in Song X oder der Vertracktheit des Basslaufs in Lied Y gestellt. Musik geh?rt f?r "Frollein Kuttner" nicht analysiert, sondern gef?hlt - und dann f?r gut oder schlecht befunden. In die Show eingeladen wird nur Gutes. Das wird dann abgefeiert und bejubelt - und noch mal in die Sendung geladen. In nur sieben Monaten Showgeschichte hat Sarah Kuttner es geschafft, dreimal Virginia Jetzt! einzubestellen, doppelt gemoppelt traten Tele, Juli, Slut, Teitur, Bloc Party, Cake, Wir sind Helden, Mia und Adam Green in Erscheinung. Nicht dass Redundanz im Musik-TV etwas Besonderes w?re. Aber Sarah Kuttner leistet sich die Befriedigung ihres eigenen Geschmacks mit einem Narzissmus, der die Wiederholung nicht als Gefahr f?r die Quote sieht, sondern nur als immer wieder gef?hrten Beweis, dass das Gutgefundene einfach gut zu finden ist.

Ob MTV/Viva-Chefin Catherine M?hlemann als quotenversessene Programmglattb?glerin diese manchmal wundervoll autonome, manchmal aber eben allzu postpubert?re Selbstbehauptungsorgie langfristig im Programm haben will, ist fraglich. Zun?chst wird ein Vertrag ?ber 140 Sendungen Kuttner bei Viva noch bis in den Sommer bringen. F?r das Danach steht der WDR Gewehr bei Fu?. Im Februar wurde eine Pilotsendung mit ihr produziert, "in Richtung junges Kulturformat". ?ber Details wird geschwiegen, "Gespr?che werden gef?hrt". Noch darf Sarah Kuttner ihre Suppenkasperwunschwelt Wirklichkeit werden lassen. Beim ?ffentlich-Rechtlichen wird sie nicht mehr nur "Ich will" und "Ich finde" kr?hen k?nnen und ihre schwarz-wei?e Welt hoffentlich grau schattieren m?ssen. Dann darf sie liebend gerne ab und an etwas entdecken, was laut gebr?llte Gutfinderei wirklich brauchen kann.


Quelle:
taz Nr. 7613